Die Seele und die morphischen Felder
NATUR & HEILEN interviewt RUPERT SHELDRAKE
N&H: Rupert Sheldrake, Sie sind einer der wenigen Biologen, die Naturwissenschaft und Religion zu vereinbaren versuchen. Was hat Sie zu diesem ganzheitlichen Ansatz in der Biologie, die ausschließlich von orthodoxen Maßstäben regiert wird, bewegt?
R.S.: Mein Leben lang habe ich mich für Biologie interessiert und mich schon seit der Schulzeit auf Naturwissenschaft spezialisiert. Ich studierte Biologie und Biochemie in Cambridge. Aber schon bald wurde mir die riesige Kluft bewußt zwischen meinem ursprünglichen Interesse, eine Erklärung für das Leben und lebendige Organismen zu finden, und der orthodoxen, materialistisch-mechanistischen Biologie, die Menschen und Organismen auf bloße Maschinen reduziert. Das Prinzip Leben konnte für mich mit diesem herkömmlichen Erklärungsmodell nicht erfaßt werden. Die meisten meiner Kollegen begannen sich für die Chemie der DNA zu interessieren, aber ich hielt das für die falsche Annäherung.
Während ich in Cambridge Forschungen über das Pflanzenwachstum unternahm, begann ich mich mit der holistischen Tradition in der Biologie zu befassen und fing an, mich für die Feldtheorie, genauer gesagt für die "morphogenetischen Felder" zu interessieren. Ich erkannte, daß eine neue Art von Wissenschaft notwendig war, und das Modell der morphogenetischen Felder als unsichtbarer Bauplan, der für die Form und das Wachstum von Organismen bestimmend ist, zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich.
Als ich dann nach Indien ging, um tropische Pflanzen zu untersuchen, vertiefte sich meine Suche nach einem neuen Ansatz. Ich kam in Kontakt mit der indischen Philosophie und begann, mich mit Yoga und Meditation zu beschäftigen. Doch gleichzeitig erweckte die christliche Tradition, die ich so lange abgelehnt hatte, zunehmend mein Interesse. Ich wollte einen Weg finden, die beiden Traditionen, die hinduistische und die christliche, zu verbinden, als ich dann auf Pater Bede Griffiths stieß, der, obwohl er Christ war, in Indien einen Ashram im Stil der Hindutradition aufgebaut hatte. Dieser war der beste Platz für mich, um in aller Ruhe mein erstes Buch "Das schöpferische Universum" zu schreiben, ein Buch, das ich ihm, der 1993 starb, gewidmet habe. Pater Griffiths war die perfekte Brücke zwischen östlicher und westlicher Tradition. Sein Ashram war tatsächlich der indischste Ashram, den ich kannte, und doch christlich orientiert. Deshalb bot dieser Ashram die Basis für eine breitere Philosophie und ein umfassenderes Naturverständnis. Das war wirklich für mich eine große Hilfe. Als ich über die Philosophie der Form nachdachte, legte er mir die klassischen griechischen Ideen und die Vorstellungen des Mittelalters nahe. So gab er meinen Ideen eine wesentlich größere philosophische und historische Grundlage. Da Pater Griffiths nicht viel über Biologie wußte, bat er mich darum, ihm alles zu erklären, während ich mein Buch schrieb. So mußte ich ihm alle wissenschaftlichen Konzepte begreiflich machen, und das war für mich eine sehr gute Praxis, denn er war ein außerordentlich intelligenter Mensch. Manchmal fragte er mich: "Rupert, was ist Magnetismus?", und ich mußte Magnetismus erklären. Er stellte sehr tiefgreifende Fragen und zwang mich damit, tiefer in die Materie einzudringen, als ich es normalerweise getan hätte. All das hatte einen fortgesetzten Einfluß auf meine Arbeit. Es gab ihr eine größere Tiefe und einen breiteren Rahmen. Und auch die Disziplin in einer Gemeinschaft tat mir gut: Morgens früh aufstehen, am Ufer des heiligen Flusses meditieren... Dieser strukturierte Alltag war die perfekte Lebensform, um mein Buch zu schreiben.
Die morphogenetischen Felder und ihre Auswirkungen
N&H: Sie haben den Begriff der morphogenetischen Felder geprägt. Das ist ein Begriff, der für viele schwer zu verstehen ist. Können Sie uns erklären, was diese Felder sind und welche Auswirkungen sie haben.
R.S.: Die Idee der morphogenetischen Felder beschäftigte mich schon lange vor Indien, seit meiner Zeit in Cambridge. Es war nicht meine eigene Idee, sondern ich wollte sie einfach weiter entwickeln. Die Theorie der morphogenetischen Felder ermöglicht eine ganzheitliche Annäherung an die Erklärung von lebendigen Organismen, nicht nur von Pflanzen und Tieren, sondern auch vom Menschen.
N&H: Die Definition der morphogenetischen Felder ist eine westliche Definition. In der östlichen Philosophie würde man eher von "Geist' oder von einer göttlichen Essenz der Natur sprechen.
R.S.: Sehen Sie, um die Natur zu verstehen, benötigen wir ein Prinzip der Form und ein Prinzip des Wandels. Im tantrischen Hinduismus stellt Shakti das Prinzip des Wandels bzw. der Energie dar, und Shiva das Prinzip der Form. Oder im normalen Hinduismus entspricht Shiva dem Prinzip des Wandels, also der Schöpfung und Zerstörung, Vishnu dem Prinzip der Form und der Struktur. Und in der christlichen Tradition, die auf der Trinität basiert, ist der Geist das bewegende Prinzip bzw. das Prinzip des Wandels. Die zweite Person der Trinität ist Logos, das Prinzip der Form. Nun haben die morphogenetischen Felder mehr mit der Form zu tun. Es geht also um das Prinzip der Struktur: Form und Ordnung. Immer und überall müssen diese beiden Prinzipien zusammenarbeiten.
N&H: Aber diese Felder sind ja eine unsichtbare Kraft, die jenseits der Dinge steht, deshalb das Wort "Geist", aber vielleicht gibt es einen zutreffenderen Begriff dafür?
R.S.: Ja, man könnte von Seele sprechen. Tatsächlich entspricht das morphogenetische Feld am ehesten dem, was wir in der westlichen Tradition Seele nennen. Die Seele ist das Prinzip, das lebende Wesen organisiert. Die Seele ist ein grundlegendes organisierendes Prinzip der Natur, unsichtbar, vergleichbar mit einem magnetischen Feld. Und genau das ist die Ursache für die Entstehung und den Wandel der Dinge. Die morphogenetischen Felder wirken in Raum und Zeit, sie geben Form und Struktur.
Vor dem 17 Jahrhundert war die Seele noch unverzichtbarer Bestandteil unseres Welt- und Menschenbildes. Es war eine animistische Weltanschauung, in der alle Lebewesen und alle Dinge eine Seele hatten. Das englische Wort für Tier "animal' stammt sogar vom Lateinischen "anima': die Seele. Nicht nur Tiere und Pflanzen besaßen eine Seele, sondern auch die Erde und das Universum. Sogar den Magneten sprach man eine Seele zu. Die Tatsache, daß ein Magnet über eine gewisse Entfernung auf einen anderen Magnet einwirken konnte, schien zu zeigen, daß er eine Seele hatte. Traditionell sah man die Seele also wirklich als etwas, das die Welt mit organisierte. Sie war keine theologische Vorstellung, sondern Teil der Natur.
Die fundierteste Theorie der Seele geht auf Aristoteles zurück, einer der wenigen Philosophen, vielleicht sogar der einzige, der in erster Linie Biologe war. Aristoteles sagte, daß die Form der Pflanze von der Seele bestimmt sei. Eine Kiefer z. B. wird dadurch zu einer Kiefer, daß sie eine Kieferseele hat, die ihr ihre Form verleiht. Die Seele enthält also den unsichtbaren Plan des Körpers.
Die Seele sorgte auch bei den Tieren dafür, daß sie sich vom Embryonalstadium zum ausgewachsenen Tier entwickeln. So war die Seele gleichzeitig für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Art zuständig.
Die Seele wurde aus dem naturwissenschaftlichen Verständnis mit dem Aufkeimen der materialistisch-mechanistischen Sichtweise seit Rene Descartes vollständig verdrängt. Er sah das Universum als eine enorme Maschinerie, in der alles auf mathematische und mechanische Weise funktionierte. Und nirgendwo in dieser Maschine und nirgendwo in der Natur gab es eine Seele. Er zog also die Seele aus allen Pflanzen und Tieren heraus, so daß aus ihnen unbeseelte Maschinen wurden. Er entzog auch dem gesamten menschlichen Körper die Seele, mit Ausnahme eines winzig kleinen Bereiches im menschlichen Gehirn, der Zirbeldrüse.
Mit dieser radikalen Vorstellung legte Descartes den Grundstein für die moderne Biologie und Medizin. Dennoch muß man sagen, daß die mechanistische Theorie in der Biologie nie wirklich brauchbar war. Deshalb haben Biologen immer wieder nach anderen Modellen gesucht. Eine dieser Antworten lieferte ihnen der Vitalismus. Vitalismus besagt, daß lebende Organismen lebendig sind. Mitte des 18. Jahrhunderts bis ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Vitalisten offenbar in der Mehrheit. Aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann das mechanistische Denken, auch in der Biologie vorzuherrschen.
Dann kam Hans Driesch, ein zunächst mechanistisch denkender Embryologe, der im Laufe seiner Forschungen zu dem Schluß kam, daß es unmöglich sei, das Leben derart mechanistisch zu verstehen. Er entwickelte darauf hin eine ausgeklügeltere Version des Vitalismus, mit der er den ganzheitlichen Aspekt lebender Organismen hervorhob. Die Tatsache z. B. daß sich Tiere und Pflanzen regenerieren können, kann aus einer mechanistischen Sichtweise niemals erklärt werden. Aus einem Teil kann wieder ein Ganzes entstehen. Aus einem kleinen Stück eines Baumes kann ein ganz neuer Baum erwachsen. Aber niemals kann man aus einem kleinen Teil einer Maschine eine Maschine entstehen lassen. Wir können den raffiniertesten Computer der Welt in Scheiben schneiden, aber alles, was wir rausbekommen, ist ein kaputter Computer. Driesch kam es darauf an zu zeigen, daß Lebewesen ganzheitliche Eigenschaften haben und sich auf ein bestimmtes Ziel hin entwickeln. Die Seele folgte also einem Selbstzweck; sie hatte bereits ihr eigenes Ziel in sich. Es handelte sich also wieder um diesen nicht-materiellen Organisationsfaktor, der die Art und Weise, wie sich lebende Mechanismen entwickeln und verhalten, steuert.
Aus diesem Grunde könne man, so Driesch, chemische und physikalische Ergebnisse nie vollkommen vorhersagen, wie die Chemiker und Physiker dieser Zeit behaupteten. Man könne immer nur von Wahrscheinlichkeit sprechen.
Die Nachfolger Drieschs waren die eigentlichen Vorreiter, die dann anstatt von der Seele von bestimmten Feldern sprachen und von bestimmten Zielen, auf die diese Felder hinarbeiteten.
Die Felder als organisierendeSeele hinter den Dingen
N&H: Es scheint nicht nur Lügen gegeben zu haben, sondern eine große Verwirrung hinsichtlich der Bedeutung von Energie, Seele, Geist, Materie.
R.S: Gewiß, ja. Und deshalb glaube ich, daß die Felder eine Möglichkeit bieten, sich Gedanken über genau diese Dinge zu machen. Es ist eine Möglichkeit, über die Seele nachzudenken. In den modernen Wissenschaften wird die gesamte Natur in Begriffen von Energie verstanden, die für den Wandel und die Aktivität der Dinge verantwortlich ist. Und die Felder sind es, die der Energie Form und Struktur geben. Das betrifft auch die moderne Physik. Das Elektron ist eine Vibration von Energie innerhalb eines Feldes. Das Gleiche gilt auch für das Proton. Ebenso ist die Bewegung der Erde um die Sonne von der Schwerkraft abhängig. Auf diese Weise basieren alle Aspekte in der modernen Wissenschaft auf den beiden Prinzipien der Energie und der Struktur bzw. Form. Und ich versuche als Biologe, Leben ebenfalls in diesen Begriffen zu sehen. So könnte man sagen, daß die Theorie der morphogenetischen Felder den Versuch darstellt, die organisierende Seele hinter den Dingen zu sehen, so wie es Aristoteles und nach ihm Thomas von Aquin taten - eine Seele, die der Natur und allen lebenden Erscheinungen immanent ist.
N&H: Sie sprechen von den morphogenetischen Feldern als ordnenden Instanzen. Gibt es hinter diesen verschiedenen Feldern ein letztes endgültiges Feld, das alles umfaßt?
R.S.: Ja, das kann durchaus sein. Die moderne Physik hat tatsächlich die Idee eines letztendlichen Feldes, das alles vereinigt und aus dem alle Felder hervorgehen. Und dieser Gedanke ist eigentlich auch nicht neu. Wir finden ihn schon bei Platon und den Griechen um Platon: Die Idee einer Welt-Seele, jener Seele, aus der alle anderen Seelen entspringen. So haben wir die Seele, die die Seele des ganzen Universums bzw. das allumfassende und alles beinhaltende Feld des gesamten Universums darstellt.
Es gibt also eine Quelle jenseits aller Manifestationen. Und sogar in der modernen Physik finden Sie die gleiche Idee, daß nämlich der große Urknall aus dem Nichts - oder aus dem Alles, je nachdem wie man dieses Vakuum interpretiert - hervorgeht. Aber diese Dinge sind gedanklich schwer faßbar.
N&H:. Wo können sich, Ihrer Meinung nach, Wissenschaft und Spiritualität bzw. Religion treffen?
R.S.: Ursprünglich waren es genau diese Themen, die Pater Griffiths und mich gemeinsam bewegten, und später sprach ich mit meinem Freund Matthew Fox darüber. Aus diesen Gesprächen entstand das Buch "Die Seele ist ein Feld". Es gibt nämlich sehr viele Punkte, an denen sich Wissenschaft und Philosophie treffen. Jede Wissenschaft basiert auf einer bestimmten Philosophie. Die Wissenschaft, wie wir sie kennen, basiert auf der materialistischen Philosophie und das ist eine sehr enge, dogmatische Philosophie, die ein sehr starres Modell der Wirklichkeit abgibt. Und wenn Sie Ihre wissenschaftliche Sichtweise ändern, dann ändern Sie gleichzeitig die zugrunde liegenden philosophischen Gedankengange, und die Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion verschieben sich. Sehen Sie, das Problem in der modernen Wissenschaft ist, daß anstelle eines pluralistischen Ansatzes, wie wir ihn beispielsweise im Buddhismus oder Hinduismus finden, die Naturwissenschaften tatsächlich das einzige Denkmodell darstellen, das für sich eine universelle Gültigkeit beansprucht, auf der ganzen Welt, in jedem Land und jeder Kultur, und deshalb äußerst intolerant ist. Ich würde sogar sagen, daß es das einzige Problem der heutigen Wissenschaft darstellt. Und es müßte nicht so sein, es könnte auch anders sein und es kann anders werden.
Ganzheitliches Modell für die Heilkunde
N&H: Weiche Folgerungen können aus Ihrer Perspektive für den Bereich der Heilkunde gezogen werden?
R.S.: Es gibt vieles, was man aus der Theorie der morphogenetischen Felder für die Medizin ableiten kann. Indem wir uns die Seelen als Felder vorstellen, bekommen wir, denke ich, generell ein besseres Verständnis für die körperlichen, geistigen und seelischen Zusammenhänge. Wir gewinnen ein klareres Bild des Entwicklungsprozesses: wie Organismen es machen, daß sie sich von einem befruchteten Ei zum Embryo entwickeln und vom Embryo zum ausgewachsenen Tier oder Menschen heranwachsen. Die Felder liefern auch eine Verständnisgrundlage für den Heilungsprozeß. Alle sich selbstorganisierenden Systeme verfügen über die Möglichkeit der Selbstheilung. Wäre das nicht so, verschwanden sie bald von der Bildfläche. In unserem Körper findet ja eine ständige Veränderung der biochemischen Prozesse statt, und dennoch bleibt der Körper jahrzehntelang der gleiche. Und was der Aufrechterhaltung der Form und auch dem Heilungs- und Regenerationsprozeß zugrunde liegt, sind eben diese Felder.
Ich glaube, daß die Feldtheorie ein geeignetes holistisches Modell für Geist und Körper ist. Sie kann auch als Verbindung betrachtet werden sowohl zwischen verschiedenen alternativen Therapien als auch mit der Schulmedizin. Ich bin überzeugt davon, daß es an der Zeit ist, ein ganzheitliches Modell der Medizin zu entwickeln. In England beispielsweise gibt es eine Organisation mit dem Namen
"Scientific und Medical Network`, die aus ganzheitlich orientierten Wissenschaftlern, Ärzten und Therapeuten besteht. Das Problem der Schulmedizin ist heutzutage, daß sie versucht herauszufinden, ob etwas funktioniert oder nicht, anstatt zu zeigen, wie es funktioniert. Das Wie" muß immer an erster Stelle stehen. Die Chinesen haben in Hongkong ein Forschungsweltzentrum eingerichtet, in dem sie westliche und chinesische Medizin zu integrieren versuchen.
Ein Vorbild ist für mich auch Indien, wo seit vielen Jahren westlich orientierte Ärzte Seite an Seite mit der ayurvedischen, homöopathischen, chinesischen und muslimischen Medizin arbeiten. Jeder Inder weiß, daß, wenn er eine akute Krankheit wie eine Infektion bekommt, er einen Schulmediziner aufsuchen sollte. Wenn er dagegen ein chronisches Leiden wie beispielsweise eine Hautkrankheit hat, würde er niemals einen Doktor konsultieren, sondern einen Homöopathen oder einen ayurvedischen Arzt aufsuchen. Dies ist dort eine allgemeine Einstellung, die auf vielen Jahren der Erfahrung basiert. Es ist eine Art Konsens über das, was in einem speziellen Fall hilft und nicht hilft. Und dann ist man sich dort auch noch über die bedeutende Rolle des Therapeuten selbst bewußt. Es geht heute auch darum, mehr über die zwischenmenschlichen Reaktionen und die tatsächliche Rolle des Heilers zu verstehen.
Die Beantwortung all dieser Fragen ist entscheidend dafür, daß der Rahmen der akademischen Biologie, die im Augenblick noch extrem reduktionistisch ist, gesprengt werden kann. Denn in den letzten Jahren wurde sie nicht etwa weniger, sondern unter dem Einfluß der Gentechnologie sogar noch stärker reduktionistisch. All diese riesigen Projekte in der Biologie haben sich mehr und mehr auf die Molekularebene konzentriert und dabei den holistischen Aspekt völlig außer Acht gelassen. Es ist also eine Notwendigkeit, daß wir einen ganzheitlichen übergeordneten Rahmen schaffen. Es gibt so wenig Leute, die auf diesem Gebiet arbeiten und daher sehe ich es als meine hauptsächliche Aufgabe an, die Aspekte einer holistischen Biologie und Psychologie herauszuarbeiten.
Meiner Meinung nach sind die Gene, so modern sie zur Zeit sind, immens überschätzt worden. Der Gencode besteht aus Aminosäuren und Proteinen. Die Vorstellung, daß hier in verschlüsselter Form alles an Verhalten und Form festgelegt ist, ist eine bloße Spekulation. Natürlich kann eine Veränderung in den Genen das formale Verhalten verändern, aber das heißt nicht daß Form und Verhalten in verschlüsselter Form in den Genen enthalten sein müssen. Vielmehr kommt es zu einer Interaktion zwischen den morphischen Feldern und den chemischen Prozessen. Aber zu einer Vererbung von Form und Verhalten kommt es nicht über die Gene.
Meiner Theorie entsprechend bezieht jede Spezies ihr ganzes Wissen und jeder Art von Informationen aus einem "kollektiven Gedächtnis", und zwar über einen Prozeß, den ich als morphische Resonanz bezeichne. Der grundlegende Gedanke bei der morphischen Resonanz ist der, daß Ähnliches Ähnliches anzieht. Je ähnlicher, desto wirksamer ist die Resonanz. Die Anziehung funktioniert über Raum und Zeit hinweg und zwar aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Das bedeutet, daß alle Dinge eine Art Gedächtnis haben. Was Pflanzen, Tiere und Menschen angeht gibt es ein kollektives Gedächtnis, ein Ahnengedächtnis sozusagen, das nicht nur die Gestalt, sondern auch das Verhalten ihrer Gattung bestimmt. Das klassische Beispiel hierfür das bekannte Experiment mit den Ratten, dem man Ratten einen neuen Trick beibrachte. Diese sollten einen Ausweg aus einer Überschwemmung finden, was ihn auch gelang. Das Auffallende war, daß Nachfolgergenerationen immer wenig Fehler machten und die Fluchtmöglichkeit schneller erlernten. Aber das betraf nicht nur die direkten Abkömmlinge dieser Ratten, sondern die gesamte Zucht. Die gleichen Prinzipien lassen sich auf das menschliche Lernen anwenden. Wenn viele Menschen sich neue Fähigkeiten aneignen dann müßte es auch für andere leicht sein, eben dies zu lernen. So gesehen dürfte es immer einfacher werden das Computer-Programmieren oder Windsurfen oder Skatebordfahren z. B. zu erlernen.
Übergeordnetes morphisches Feld
Also, nicht nur die Entstehung des Körpers wird durch die morphogenetischen Felder beeinflußt, sondern auch das Verhalten. Derartige Verhaltensfelder bewirken auch die Organisation innerhalb von Gruppe von Tieren, z. B. von Vogel- oder Fischschwärmen. Kommt beispielsweise ein Jäger in einen Schwarm von Fischen, reagieren die Fische blitzschnell, viel schneller als sie es könnten, wenn sie es den Nachbarn, abschauen würden. Ich schätze, dies ist deshalb möglich, weil der ganze Fischschwarm ein gemeinsames Feld hat und die einzelnen Fische genau wie Eisenspäne in einem Magnetfeld reagieren. Diese, Feld ermöglicht daß die Individuen genau wissen, wo sie sind und was sie tun müssen. Die Felder, die Dinge mit einander verbinden, haben den allgemeineren Namen "morphische Felder". Morphisch stammt vom Griechischen "morph", das Form bedeutet. Meiner Theorie entsprechend gehören morphogenetische Felder, Verhaltensfelder, soziale und kulturelle Felder alle, der Gattung morphischer Felder an. All diese sind unterschiedliche Aspekte eines übergeordneten morphischen Feldes.
Ein weiteres Beispiel wäre eine Termitenkolonie. Hier scheint es ein morphisches Feld zu geben für die gesamte Insektenpopulation, die diesen Hügel geschaffen hat. Untersuchungen an Termiten haben gezeigt, daß das individuelle Insekt nicht wissen kann, wohin es die Bausteine setzen soll, die den großen Hügel entstehen lassen, schon allein deshalb, weil sie blind sind. Aber es muß ein unsichtbares Prinzip geben, das sie leitet und ihnen sagt, wohin sie gehen sollen. In den 20er Jahren gab es Biologen, die dieses Phänomen als Gruppenseele bezeichneten. Ich würde es als morphisches Feld der Gruppe betrachten.
Verbunden über die Felder über größere Entfernung hinweg
Mitglieder einer Gruppe sind generell durch diese Felder miteinander verbunden. Und ich denke, daß es auch diese Felder sind, die eine Kommunikation über größere Entfernung hinweg ermöglichen. Damit haben wir, schätze ich, eine mögliche Erklärung für das Phänomen der Telepathie. Telepathie scheint weniger ein psychisches Phänomen zu sein als etwas, das zwischen Mitgliedern von Gruppen, die enge Bande miteinander entwickelt haben, stattfindet. Ich habe mich ziemlich ausführlich mit Telepathie bei Tieren beschäftigt und das Ergebnis meiner Untersuchungen in meinem Buch "Der siebte Sinn der Tiere" dargelegt. Ein Beispiel, auf das ich dort näher eingehe, ist das von Hunden, die genau wissen, wann ihr Herrchen oder Frauchen nach Hause kommt. Viele Hunde warten an der Tür oder am Fenster, sobald sie spüren, daß Herrchen oder Frauchen auf dem Nach-Hause-Weg sind. Das kann 10 Minuten oder sogar eine halbe Stunde, bevor die Person tatsächlich eintrifft, geschehen. Tiere können also über eine größere Entfernung hinweg, auf die Intention von Menschen reagieren.
Das ist nicht nur bei Hunden der Fall, sondern auch bei Katzen, Papageien und Pferden. Dieses Phänomen entsteht anscheinend nur bei Tierarten, die enge soziale Bindungen zu Menschen entwickelt haben. Meiner Meinung nach ist das Feld der Kommunikationskanal, der die Mitglieder der Gruppe miteinander verbindet. Hunde und Herrchen sind Teil einer sozialen Gruppe, und das Feld umfaßt alle beide. Wenn Herrchen oder Frauchen weggehen, wird dieses Feld nicht unterbrochen, sondern dehnt sich nur aus. Man könnte sich das so vorstellen, als sei da ein unsichtbares Gummiband, das sie weiterhin verbindet. Und dieses Gummiband ist der Kommunikationskanal. Tiere wie Hunde und Katzen haben wesentlich ausgeprägtere telepathische Fähigkeiten als Menschen. Was die menschliche Telepathie angeht, gibt es nur einen Bereich, wo die Menschen besser sind als Tiere, nämlich das Telefonieren. In Verbindungen mit Telefonanrufen sind telepathische Vorkommnisse am Auffallendsten. Jeder von uns hat schon die Erfahrung gemacht, daß man gerade eben an jemand gedacht hat und im nächsten Augenblick das Telefon klingelt. Das Studium übersinnlicher Phänomen wie der Telepathie zeigt, daß das Gegenüber bereits auf die Absicht reagiert. Und diese Absicht ist in der Lage, Tiere oder Menschen über große Entfernungen hinweg zu beeinflussen. Diese Erkenntnis liefert einen neuen Kontext, in dem wir die Kraft des Gebetes einordnen können, denn auch Gebete basieren auf Intentionen. Mittlerweile gibt es viele empirische Untersuchungen, die die Wirkung des Gebetes auf den Heilungsprozeß beweisen. Aus dieser Sicht ist die Kraft des Gebetes durchaus real, während aus der materialistischen Betrachtung heraus sie als Illusion abgetan werden muß. Wenn man an die morphischen Felder von Gruppen denkt, so ermöglicht uns dieser Ansatz, auch menschliche Gruppen wie Familien ganz neu zu betrachten. Die einzelnen Mitglieder einer Familie sind wechselseitig über das Gruppenfeld miteinander verbunden, und wie in allen morphischen Feldern, steckt hierin eine Art von ererbtem Gedächtnis. Dieses Gedächtnis wird von den vergangenen Generationen auf die Gegenwart übertragen. Als ich vor ein paar Jahren mit der Arbeit von Bert Hellinger in Berührung kam, konnte ich nur staunen, wie da vor meinen Augen sozusagen familiäre Felder erzeugt wurden. Die Familienaufstellung, wie sie Hellinger praktiziert, macht wirklich Sinn, wenn man sich diese Felder vorstellt, durch die die Mitglieder einer Familie miteinander verbunden sind.
Das Phänomen der Vorahnungen
Die Theorie der Felder und der morphischen Resonanz geht eigentlich davon aus, daß Informationen aus dem Gedächtnisfeld der Vergangenheit auf die Gegenwart übertragen werden. Es hat sich jedoch herausgestellt, daß sich selbst Vorahnungen, also Gedanken an Dinge, die in der Zukunft geschehen werden, damit erklären lassen. Es gibt viele empirische Belege für die Tatsache, daß Menschen oder auch Tiere Zukünftiges vorhersehen können. In manchen Fällen gibt es hierfür vielleicht eine physische Erklärung. Tiere könnten zum Beispiel Erdbeben vorausahnen, indem sie elektrostatistische Veränderungen oder winzige Beben vor dem Erdbeben wahrnehmen, die die Seismologen nicht zur Kenntnis nehmen. Tatsache ist jedoch, daß bei vielen Erdbeben, die in jüngster Zeit stattgefunden haben, Tiere offensichtlich schon Stunden vorher, in einigen Fällen sogar Tage zuvor, diese spürten. Die westliche Seismologie schenkt dem keine Aufmerksamkeit. Bis jetzt sind die Chinesen die einzigen, die diesem Phänomen Beachtung schenkten. Sie sind auch die einzigen, die in den letzten 25 Jahren erfolgreich Erdbeben vorhersagen konnten.
Natürlich haben auch viele Menschen Vorahnungen. Viele träumen ja von Dingen, die in den darauffolgenden Tagen passieren werden. Und wenn sie ihre Träume aufzeichnen, entwickeln sie ein noch stärkeres Bewußtsein dafür.
Ich möchte an dieser Stelle noch einige Labor-Experimente anführen, die von Parapsychologen unternommen wurden. Bei diesen Versuchen saßen die Probanten, denen Bilder gezeigt wurden, vor einem Computer-Bildschirm und trugen Elektroden an den Fingern, um den Hautwiderstand zu messen. Dies könnte man mit einem Lügendetektor vergleichen, der einen emotionalen Aufruhr mißt. Wenn sich Menschen ruhig und gelassen fühlen, drücken sie auf einen bestimmten Knopf und zehn Sekunden später taucht ein Bild auf den Monitor auf. Die ganze Zeit über wird ihr Hautwiderstand, also ihre emotionale Erregtheit, gemessen.
Die meisten Bilder im Experiment waren emotional neutral und zeigten z. B. Landschaften, andere zeigten extrem gewalttätige Szenen, wieder andere waren außerordentlich erotisch. Selbstverständlich war bei den erotischen oder gewalttätigen Szenen eine spontane emotionale Erregung zu erwarten. Was man jedoch nicht erwartet hatte, war, daß die Erregung bereits vier Sekunden vor dem Erscheinen des Bildes auftrat.
Derartige Experimente belegen, daß es in unserem Körper oder in unserem Geist, wo auch immer, etwas gibt, das im voraus auf erregende emotionale Impulse reagiert, die gleich kommen werden. Die Ausdehnung der morphischen Felder weist also nicht nur in die Vergangenheit zurück, sondern auch in die Zukunft hinein.
Eine Brücke zwischen Wissenschaft und Religion bauen
Über all dies vermag uns die Wissenschaft nichts zu sagen, weil sie die direkte Erfahrung verleugnet. Sie versucht, Erfahrung auf ein Minimum zu reduzieren. Aber das ist eine falsche und sehr begrenzte Einstellung.
Für mich liegt die interessante Frage darin, wo sich das Licht des Bewußtseins anschaltet. Es mag im Universum viele Formen des Bewußtseins jenseits des menschlichen Bewußtseins geben. Zum Beispiel hat die Sonne ein eigenes Bewußtsein. Vielleicht hat die Galaxie ein Bewußtsein, vielleicht hat der ganze Kosmos ein eigenes Bewußtsein. Und vielleicht ist es dieses Bewußtsein, das jenem Konzept zugrundeliegt, das wir Gott nennen. Die materialistische Philosophie hat sich bisher geweigert, über solche Dinge auch nur einen Gedanken zu verlieren. Wenn wir also beginnen, uns alle diese Fragen zu stellen, muß eine neue Brücke zwischen Wissenschaft und Religion gebaut werden.
NATUR & HEILEN. Herr Sheldrake, wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch.
Dieser Text ist entnommen aus NATUR & HEILEN 3/2002
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